Hamburg Mammuts – St. Petersburg Veterans

Plakat Mammuts vs. St.Petersburg Veterans-st petersburgBeglückte Verlierer

Es war Maslow, der den Hamburg Mammuts schon vor dem Eröffnungsbully das erste Rätsel aufgab. Wieso war die Nummer 16 der Veterans St. Petersburg ohne Helm auf dem Eis –wollte der wirklich so spielen?
Dariusz Kania, der aus Polen gebürtige Coach der Hamburger, bot dem Team in der ersten Drittelpause eine Antwort an, die ihre Wurzeln tief in den historischen Beziehungen zum einstigen russischen Brudervolk haben muss: „Er spielt ohne Helm, weil er keinen hat.“
Die ehrliche Auskunft hätte zu dem Zeitpunkt anders lauten müssen: Er spielt ohne Helm, weil er keinen braucht. Die Zahl der Körperkontakte, welche die russischen Gäste zu den Mammuts suchten, lag nämlich bei null. Nach Toren allerdings lagen die Veterans Ende der ersten Periode schon mit 0:7 in Führung. Am Ende wurde ein 6:16 daraus, das vom unerschütterten Heimteam als knapp, aber irgendwie schon dem Spielverlauf entsprechend gewertet wurde. Ein großer Eishockeyabend wurde es für Hamburg und die Mammuts trotz einer Niederlage, die seelisch weniger robuste Mannschaften als niederschmetternd hätten empfinden können.

Was den Seelenfrieden der Rüsseltiere rettete war dreierlei:
Erstens eine Zuschauerkulisse, wie sie das Hamburger Eishockey quantitativ und qualitativ selten erlebt. Hunderte Fans hatten den Weg in die Volksbank-Arena gefunden, um das Heimteam mit frenetischem Jubel bei der erwartet schweren Prüfung zu unterstützen.

Zweitens ein Mitteldrittel, das unter den wohlwollenden Blicken der zwei entspannt vor sich hinspielenden russischen Reihen mit 5:3 Zählern an die Mammuts ging. Jason Spaulding war es, der gleich zu Beginn des Mittelabschnitts die Aufholjagd eröffnete. Der Kugelblitz aus Vermont brach in der 23. Minute allein durch und schickte von halbrechts einen flachen Schlagschuß über das Eis, der unten links neben dem Pfosten einschlug.
In Minute 32 und 33 legten Jörg Gronmeyer und Olaf Meyer nach. Gronmeyer schickte in der Centerposition einen Querpass von Linksangreiferin Singa Meyer-Gätgens per Direkannahme durch die Schoner des Petersburg-Schlussmanns. Meyer-Gätgens Gespons Olaf Meyer hatte sich die schwache Stelle des Keepers gut gemerkt. Eine Minute später trug er die vierte Reihe in die Torschützenliste ein, indem er ein Zuspiel von Christos Stambolidis aus der Drehung per Rückhand flach und mittig einnetzte. Nachdem die Veterans Widerstand spielten und auf 3:10 davongezogen waren, sicherte Wolfgang Gehrmann den Dickhäutern drei Minuten vor der Sirene die Drittelbilanz. Gronmeyer hatte von links geschossen, Meyer-Gätgens den Abpraller ebenfalls auf die Schoner des Keepers geschickt, ehe der Mammut-Veteran zur Stelle war, um die freie Scheibe mit der Rückhand einzuschieben. Die dritte Reihe unterstrich damit eine über die Spieldauer konzentrierte Leistung. Sieben Sekunden vor dem Drittelende konnte schließlich Christian Brehm die Ehre der insgesamt schwächelnden ersten Reihe retten. Wieder und wieder hatte die Topbesetzung mit überhasteten Schüssen Chancen vergeben. Diesmal konnte Brehm einen abgewehrten Schlenzer Mathias Bierers im Nachschuß verwerten.
Im Schlußabschnitt indes drehte es sich für St. Petersburg dann wiederum um die Frage, ob man mit 20 erzielten Treffern von der Elbe an die Newa zurückreisen wollte oder sich mit 16 Toren zufrieden gab. Die Mammuts immerhin erhöhten ihr Konto noch auf 6 Zähler und es war wie zu Beginn Jason Spaulding, der einen spektakulären Akzent setzen konnte. Im eigenen Drittel eroberte der Center der zweiten Reihe die Scheibe, donnerte links durch die neutrale Zone, brachte die Scheibe im Schutz seines kompakten Körpers an einem diesmal überforderten Verteidiger der Veterans vorbei, und als jedermann denken musste, dass er schon zu tief gegangen und links neben dem Gehäuse über die Torlinie hinausgeschossen war, schaltete er cool auf Gegenschub und jonglierte den Puck hinter dem Rücken des ein wenig herausgegangenen Torwarts dort über die Linie, wo es sein soll –das großartigste Tor des Abends!

Der dritter Faktor indes, der die deutliche Niederlage der Mammuts dennoch zu einem beglückenden Erlebnis für das Heimteam und seinen Anhang machte, war schlicht das Spiel der Gäste aus der Hamburger Partnerstadt. Schon nach den ersten Spielzügen war gut zu sehen, dass der Teamname Veterans Programm war. Ihre beiden Reihen, mit etlichen Spielern im Rentenalter bestückt, die ihre ersten Schritte auf dem Eis noch in der Chruschtschow-Ära gemacht haben mussten, zelebrierten russisches Eishockey, wie es reiferen Fans der schönsten Sportart der Welt aus den großen Zeiten der Sbornaja in den siebziger Jahren erinnerlich ist: körperlos, laufsicher, technisch perfekt – und schlagschussfrei. Wieder und wieder pflegten die Petersburger Angriffsreihen in der Hamburger Zone ungestörte Dreiecksbeziehungen. Als hätten da gar keine störenden Mammuts auf dem Eis gestanden, wanderten die Pässe von Mann zu Mann, bis sich schließlich ein Schütze erbarmte und mit einem erfolgreichen Abschluss der Verteidigerquälerei ein Ende machte. Natürlich war es Maslow, der die Demonstration in einer unvergesslichen Spielszene auf die Spitze trieb. Frei vor Mammut-Goalie Tjark Lindenau überraschte er den Keeper – nicht mit einem Torschuss, sondern mit einer Rückgabe zur blauen Linie, damit das Pass-Ballett noch ein wenig weitergehen konnte. Das exakte und leider oft vorgeführte Gegenkonzept bot die erste Reihe der Mammuts unmittelbar darauf, als der gesamte Angriff auf Einladung des Gegners vor dem Petersburger Keeper erschien und die Großchance mit einem hoffnungslosen Direktschuss des scheibenführenden Mannes auf dem linken Flügel liquidierte.
Hatte nicht Abwehrhüne Thomas Haffke beim gewonnenen letzten Heimspiel frohlockt: Sotschi, wir kommen? Wohl besser, dass in der nächsten Auswärtspartie am 11. Februar erst noch einmal in Harsefeld Zwischenstation gemacht werden soll.

EHC Mammuts: Verteidigung: Joel Meyer, Roman Loebsch; Oliver Sohst, Dirk Meyer; Ralf Greiner-Petter, Andy Wielgoß. Angriff: Jan von Döhren, Christian Brehm, Mathias Bierer; Sebastian Döring, Jason Spaulding, Marc Kudenholdt; Singa Meyer-Gätgens, Jörg Gronmeyer, Wolfgang Gehrmann, Olaf Meyer, Christos Stambolidis, Johannes Erchen

(Mammuts Presse Service; Mitarbeit: Julian Philippi)

P.S. Das Spiel der Veterans St. Petersburg rief beim Berichterstatter Erinnerung an ein Gespräch über das große russische Eishockey wach, das er 1995 in Moskau mit der sowjetischen Trainerlegende Wiktor Tichonow zu führen Gelegenheit hatte. Es fand auf der Tribüne des Moskauer Eispalastes statt, während die Mannschaft des Zentralen Sportclubs der Armee (ZSKA) unten auf dem Eis trainierte. Wir erlauben uns, das Interview als Reverenz an unsere großen Gegner aus St. Petersburg hier noch einmal zu veröffentlichen.

Wiktor Wassiljewitsch, das russische Hockey ist nicht mehr, was es einmal war. Mussten Sie sich von der alten Spielweise verabschieden?

Tichonow: Das System, nach dem wir spielen, ist das gleiche geblieben: wenig Körpereinsatz, perfektes Schlittschuhlaufen, gute Stocktechnik. Aber die Ausführungen sind einfach nicht mehr so präzise wie früher.

Warum?

Tichonow: Unter den neuen Marktbedingungen fehlt uns die Zeit. Jedes Jahr gehen die fünf, sechs besten Spieler ins Ausland. Die Reihen zerfallen, ehe sie richtig eingespielt sind. Ich muss jedes Jahr von vorne anfangen.

Wie alt sind die Spieler dort unten?

Tichonow: Sechzehn, siebzehn, achtzehn. Es sind Kinder. Und sie lassen sich im Spiel von Kinderemotionen leiten statt von Männervernunft. Ich kann ihnen Technik beibringen, aber ich kann ihnen keine zusätzlichen Jahre geben. Mir fehlt die Zeit, Männer aus ihnen zu machen.

Wird es das große russische Eishockey also nie mehr geben?

Tichonow: Die Aufgabe, vor der wir jetzt stehen, ist die harte Zeit zu überbrücken. Wenn sich die wirtschaftlichen Verhältnisse verbessern, wenn die Spieler nicht mehr auswandern, wird es auch wieder großes Eishockey geben.

Aber war nicht die Voraussetzung für das Eishockey der Leichtigkeit die Disziplin, die es nur unterm harten Kommandosystem gab? Vertragen sich Demokratie und großes Hockey vielleicht nicht?

Tichonow: Es kann jedenfalls nicht angehen, dass die Spieler ihren Trainer wählen und die Taktik ausdiskutieren. Wer großes Eishockey spielen will, muss demütig sein und auf vieles verzichten. Es gibt ein russisches Sprichwort: Der gute Mensch kommt als letzter ins Ziel.

Und wer wird erster?

Tichonow: Der Harte.

Aber elf Monate Eishockey im Jahr, zehn Stunden Training am Tag, das geht heute nicht mehr.

Tichonow: Es wird nicht genug trainiert. Seit Geld im Spiel ist, müssen die Mannschaften zu viele Spiele machen. Ein Stürmer kommt im Spiel vielleicht sechsmal zum Torschuss. Im Training sechzigmal. Das sagt alles.

Das klingt fast, als wäre Ihnen das Training die Hauptsache, das Spiel nebensächlich.

Tichonow: Das Spiel ist das Fest, das Training die Vorbereitung in der Küche. Was der Koch tagelang vorbereitet, ist in einer halben Stunde aufgegessen.

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